Neuseeland
Neuseeland Tagesträume
„Ins Land der blökenden Schafe? Was willst du denn da?“ Ich lächle milde. Er ist nur neidisch. Er ist ignorant und ungebildet. Er hat keine Ahnung, dass Kiwis nicht nur Früchte sondern auch sehr ungewöhnliche Vögel und Neuseelands Wahrzeichen sind. Er hat noch nie etwas von Pohutukawa, dem neuseeländischen Weihnachtsbaum, oder von Vegetable Sheep gehört. Er hat mir mit drei Jahren an den Haaren gezogen. Er ist eben mein kleiner Bruder.
„Neuseeland hat viel mehr zu bieten als Felder und Schafe“, erkläre ich ihm. Neuseeland- das ist eine Reise buchstäblich ans andere Ende der Welt. Da gibt es Vögel, die nicht fliegen dafür jedoch exzellent riechen können, unzählige Pflanzen, die man sonst nirgendwo auf der Welt findet, Menschen, die ihr Essen in einer Grube im Erdboden auf heißen Steinen kochen und Te Reo Maori, eine uralte südpazifische Sprache, sprechen. Kein anderes Land ist so reich an Klima- und Landschaftsvariationen.
In meiner Vorstellung sehe ich bereits das Grün der gigantischen Urwälder. Ein Silberfarn glitzert im Licht der Sonne und vor mir türmen sich 50 Meter hohe Kauribäume auf. Ich befinde mich an der Westküste der Nordhalbinsel, der Kauri Coast. Ich atme tief durch und sauge die klare, leicht feuchte Luft des Waldes ein. Wie unglaublich schön und friedlich es hier ist!
Ich blinzle und der gigantische Kauribaum verschwimmt vor meinen Augen und verwandelt sich plötzlich in einen Wolkenkratzer. Ich sehe mich um, schaue in die Augen von Menschen der unterschiedlichsten Kulturen.
Neben mir ragt der Sky Tower in den Himmel und ich lasse mich von dem fröhlichen Treiben auf der Straße mitreißen. Köstliche Düfte der Fusionsküche steigen mir in die Nase. Ich bin in Auckland, Neuseelands pulsierender Metropole, die trotz unzähliger Geschäfts-, Finanzgebäude und Boutiquen dennoch reichlich Raum für prächtige Sandstrände und Parks bietet.
Ein weiteres Blinzeln und ich sehe glasklares strahlendblaues Wasser vor mir. Salz prickelt auf meiner Haut und ich tauche meine Füße tief in den schneeweißen Sandstrand des Abel Tasman National Park. Ich bin auf der Südhalbinsel.
Plötzlich zieht ein frischer Wind auf und der weiße Sand unter meinen Füßen wird zu Schnee. Ich schaue mich um und sehe – Berge. Der Mount Aoraki ragt in der Ferne eindrucksvoll in den tiefblauen Himmel. Ich stapfe durch den Schnee, als ich Stimmen hinter mir höre. „Kia ora“, rufen die Maori und ich blicke in das Gesicht freundlicher Menschen. Ich bin zurück im Norden. Ich lausche ihren Worten, den Klängen ihres Gesangs und . . . halt – die Stimme kenne ich doch?!
„Hallo?? Träumst du etwa schon wieder? Du musst echt aufhören mit diesen Tagträumen und endlich mal was tun.“ Mein kleiner Bruder steht mit verschränkten Armen und zorniger Miene vor mir. Auch wenn er zweifellos damit meint, dass ich ihm beim Flicken seines Fahrradreifens helfen soll, hat er doch Recht. Ich muss das jetzt in die Hand nehmen und meinen Traum vom Abenteuer in Neuseeland wahr werden lassen.
Sina H.

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